Ein ganz normaler Morgen

Heute wollte ich in einem Café arbeiten. Ich sollte schon länger einen Artikel schreiben, bei dem das Interview schon ein paar Tage zurück liegt. Heute also wollte ich dieses To-Do endlich erledigen. Weil meine Selbstdisziplin zu Hause zu wünschen übrig lässt, packte ich Laptop, Block und Stift ein und setzte mich in ein Café. Es war erst 10 Uhr, da dürfte es noch einigermassen ruhig sein, dachte ich mir. Ich bestellte ein stilles Wasser, eine «Vitamin-C-Bombe» (Tee mit Orangensaft) und Scones. Einem produktiven Morgen stand nichts mehr im Weg. Zuerst aber wollte ich noch ein paar Zeitungen durchlesen. Sollte man als Journalistin eh immer tun. Und bei so viel Geschirr auf dem Tisch hat es sowieso keinen Platz für Laptop und Block.

Also las ich.

Etwa eine Stunde.

 

Danach machte ich ein Foto und stellte es auf Instagram.

Dann fing ich an zu arbeiten.

Soll heissen, ich kontrollierte alle 30 Sekunden, wie viele Likes mein neues Bild schon hat.

 

Schliesslich holte ich endlich meinen Laptop hervor – und merkte, dass es im Café W-Lan hatte. Also gab ich das Passwort ein und fing an zu surfen. Sollte man als Journalistin eh immer tun. Eine halbe Stunde später entschied ich mich, doch noch meinen Artikel zu schreiben. Und damit ich nicht abgelenkt werde, packte ich den Laptop wieder ein und holte den Block hervor. Dann kamen vier etwa 50-jährige Frauen herein und setzten sich an den Nebentisch. Also tat ich, was jeder tun würde, der unbedingt endlich einen Artikel schreiben möchte: Ich tat so, als würde ich nachdenken und lauschte in Wirklichkeit den vier Frauen, die über die Schwierigkeiten in der Arbeitswelt, die neue Brille der einen Tochter und natürlich Scones-Rezepte redeten.

Beobachten sollte man als Journalistin eh immer.

 

Nachdem ich erkannt habe, dass es nichts mehr wird mit meinem Artikel, fing ich an, diesen Blogbeitrag auf Papier zu bringen. Und tippte ihn nachher noch auf meinem Laptop ab. Wobei ich diesen leicht drehte, damit die vier Frauen nicht lesen konnten, was ich schreibe.

 

Eigentlich ein produktiver Morgen. Der Artikel ist aber noch immer nicht geschrieben.

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